Auf den Spuren der alten Neumark – Heute

Studienreise im Rahmen des Projekts "Spurensuche/Po śladach"

Freitag, 29. September 2006

Stettin: Bis 9.30 treffen sich die Teilnehmer der Studienreise im Ośrodek Integracji Europejskiej, al. Wojska Polskiego 164 (bewachter Parkplatz), dann fahren wir mit dem Bus zum Stettiner Hauptbahnhof, um die Teilnehmer abzuholen, die mit dem Zug aus Potsdam und Berlin (an 9.52) ankommen.

10.15 Abfahrt nach Chojna (Königsberg Nm) , eines der einstigen Zentren der Neumark. Einführender Vortrag im Bus: "Die alte Neumark und die polnische Region heute", Bogdan Twardochleb, „Kurier Szczeciński”

11.30 Widuchowa (Fiddichow), ein Dorf an der Oder. Treffen auf dem Hof, den das deutsch-polnische Ehepaar Saba und Jens Keller bewirtschaften. Die beiden gründeten ein Zentrum für ökologische Initiativen mit dem Namen „Alter Acker”. Sie kultivieren regionsbezogene traditionelle Anbauarten und beteiligen sich an vielen deutsch-polnischen Projekten im Grenzgebiet.

13.00 Ankunft in Chojna (Königsberg Nm); in ihrer langen Geschichte (erste Erwähnung 1244) gehörte die Stadt zum Fürstentum Pommern, zu Brandenburg (Neumark), zum Deutschen Orden und schließlich zu Preußen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie zu 75% zerstört, zum großen Teil nach Durchzug der Front. Nach 1945 wurde der neue polnische Ortsname mehrmals geändert. Bis 1990 gab es bei Chojna einen sowjetischen Militärflugplatz. Gastgeber und Führung: Robert Ryss, Chefredakteur von „Gazeta Chojeńska” (unabhängige Lokalzeitung)

13.00-14.00 Mittagessen im Restaurant „Rycerska” im Keller des historischen Königsberger Rathauses.

14.00 (im Restaurant) Vortrag: Wiederbelebung lokaler Traditionen – Das „Tal der Liebe“ in Zatoń Dolna (Niedersaathen), Ryszard Matecki, Dorfvorsteher von Zatoń Dolna. Als Tal der Liebe wird der alte Hofpark der Familie von Humbert bezeichnet. Es gibt dort viele seltene Pflanzenarten und Megalithen, die zu Gedenksteinen für die Parkanleger sowie mehrere deutsche Künstler, Politiker und Philosophen wurden.

Chojna, Marienkirche/Kościół Mariacki, License:  Creative Commons ‘Attribution-NonCommercial-NonDerivative 3.0 (US)’, Source: Wiki Commons , Author: User 'Ralf_Roletschek'Chojna, Marienkirche/Kościół Mariacki, License: Creative Commons ‘Attribution-NonCommercial-NonDerivative 3.0 (US)’, Source: Wiki Commons , Author: User 'Ralf_Roletschek'

15.00-16.00 Besichtigung der Marienkirche, deren Wiederaufbau durch Zusammenarbeit mit den ehemaligen Königsberger Einwohnern und mit Fördergeldern der Deutsch-Polnischen Stiftung ermöglicht wird. Begegnung mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der deutsch-polnischen Stiftung Marienkirche in Chojna / Königsberg, Pfarrer Antoni Chodakowski (Stiftungsvorsitzender ist Peter Helbich aus Hannover, Sitz des Heimatkreises Königsberg an der Oder). Die Kirche steht hauptsächlich leer, mit Ausnahme der jährlich stattfindenden gemeinsamen Integrationstage mit den ehemaligen Königsbergern. Zu welchem Zweck wird sie wiederaufgebaut? Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen Chojna und den ehemaligen Einwohnern entwickelt?

Anschließend: Besichtigung des kommunalen Friedhofs; Gedenkstein für einstige Einwohner von Königsberg.

16.30 Abfahrt nach Cedynia; auf dem Weg Besichtigung des ehemaligen deutschen und späteren sowjetischen Flugplatzes bei Chojna, heute eine Wohnsiedlung. Informationen im Bus: Geschichte der polnischen Ansiedlung in Chojna nach dem Krieg . Wer waren die Neusiedler? Woher kamen sie?

17.15 Cedynia (Zehden), Stadt an der Oder, an der Stelle einer ehemaligen slawischen Siedlung; erhielt 1299 das Stadtrecht; gehörte ab 1252 zu Brandenburg, 1402-1454 zum Deutschen Orden, ab 1701 zu Preußen. Stadtbesichtigung, Aussichtspunkt, Besuch des lokalen Museums.

Kaffeepause im „Klasztor Cedynia”; Hotel und Gaststätte im Gebäude des Zisterzienserinnenklosters aus dem 13. Jahrhundert; unlängst restauriert und umgebaut. Treffen mit dessen Besitzer Piotr Hrynkiewicz , einem überzeugten Regionalisten.

Gegen 20.00 Ankunft in Moryń (Mohrin); Übernachtung im Erholungszentrum „Savana” am Mohriner See.

Mohrin bekam um 1306 das Stadtrecht und feiert in diesem Jahr sein 700-jähriges Bestehen. Die Stadt wurde vielmals zerstört, u.a. durch Hussiten, Schweden, napoleonische Verbände. Zwischen den Kriegen bekannter Kurort mit vielen Besuchern aus Berlin. Heute vielbesuchter Erholungsort.

Abendessen vom Grill; Legende vom Krebs im Mohriner See. Gespräche mit Vertretern des Stowarzyszenie Miłośników Morynia i Jeziora Morzycko (Verein der Freunde Mohrins)

Samstag, 30. September 2006

10.00 Nach dem Frühstück Spaziergang durch die Stadt; Markt, romanische Kirche. Anschließend Fahrt durch die Region

Abfahrt zum Góra Czcibora (Czcibor-Berg), zwischen Cedynia (Zehden) und Osinów Dolny (Niederwutzen).

Thema: Zwischen historischer Wahrheit und Propaganda – das Schlachtfeld und das Denkmal der Schlacht bei Zehden 972, in der die Verbände des polnischen Fürsten Mieszko I. die Truppen des Markgrafen Hodo der Ostmark besiegten. In der kommunistischen Propaganda sollte dieser Ort den ewigen Kampf zwischen Slawen und dem germanischen Drang nach Osten versinnbildlichen.

Auf dem Weg dorthin besichtigen wir Osinów Dolny (Niederwutzen): Prosperität des Grenzhandels – ein Mittel gegen Arbeitslosigkeit? Der unmittelbar am Grenzübergang (Hohenwutzen) gelegene Ort mit ca. 200 Einwohnern beherbergt etliche Großmärkte mit ein paar Tausend Ständen.

Mittagessen in Stare Łysogórki / Alt Lietzegöricke (Raststätte „Odra”)

Siekierki (Zäckerick): Kriegsfriedhof, Denkmal, Museum; 1945 fielen hier bei der Übersetzung über die Oder ca. zweitausend polnische Soldaten der Ersten Polnischen Armee, die der Roten Armee angehörte.

Gozdowice-Güstebieser Loose, Fähre/prom, License:  Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0, Source: de.wikipedia.org , Author: User 'Saxo'

Gozdowice (Güstebiese): Ein Beispiel für deutsch-polnische Kooperation; nach langjährigen gemeinsamen Bemühungen wird im Frühling 2007 die alte Fährverbindung über die Oder zwischen Gozdowice und Güstebieser Loose wieder aufgenommen, als erste reguläre Fährverbindung über die Oder seit 1989.

Ankunft in Mieszkowice (Bärwalde): 1317 Stadtrecht, Sitz der neumärkischen Münzanstalt; wichtige politische Bedeutung der Stadt im 14. Jahrhundert.

15.00-20.00 Miejsko-Gminny Ośrodek Kultury (Kulturhaus). Begrüßung: Bürgermeister Piotr Szymkiewicz .

Begegnung: Alte und neue Heimat

15.00-16.30 Gespräch mit Elwira Profé-Mackiewicz und Fortunat Mackiewicz-Profé sowie ehemaligen und heutigen Einwohnern von Mieszkowice (Bärwalde). Ungewöhnliche Geschichte einer Beziehung, die eine fünfzigjährige Trennung überdauerte. Deutsch-polnische Zusammenarbeit in Mieszkowice.

16.30-17.00 Kaffeepause

17.00-18.30 Gespräch mit Aleksander Butrynowski und anderen Mitbegründern des Vereins Stowarzyszenie Kresowe Hnilczan; Hnilczany ist ein Ort bei Podhajce in der heutigen Ukraine; viele seiner Einwohner siedelten sich nach dem Krieg in Mieszkowice und Umgebung an; heute besuchen sie ihre alte Heimat und engagieren sich u.a. für den Wiederaufbau der dortigen Kirche; auch ihre Nachkommen pflegen die Erinnerung an die alte Heimat.

18.30 – 19.30 Spaziergang durch die Stadt in Begleitung des Bürgermeisters

20.00 Rückkehr nach Moryń; Abendessen. Gespräch mit Remigiusz Rzepczak, Journalist in Mieszkowice

Sonntag, 1. Oktober 2006

Themen: Umgang mit dem historischen Erbe im alten Grenzgebiet von Neumark und Pommern.

Doppelte Entwurzelung – zur sozialen Lage der früheren Beschäftigten der staatlichen Landwirtschaftsbetriebe (PGR) und der Dorfbewohner. Wird der soziale Abstieg weiter vererbt? Zur Politik des Staates und der lokalen Behörden.

9.30 Nach dem Frühstück Abfahrt nach Witnica (Vietnitz), Chełm Dolny (Wartenberg), Przelewice (Prillwitz) und Letnin (Lettnin).

10.00-12.00 Witnica (Vietnizt), Rittergutshof im Besitz der Familien von Sack, von Buch-Stolpe, von Sydow und von Oelsen. Wirtschaftsgebäude aus dem 19. Jahrhundert; Kirche mit Barockausstattung: Beispiel für den Umgang mit der protestantischen Innenausstattung durch die katholische Kirche. Besuch auf dem einstigen Junkersgutshof; nach 1945 bis Anfang der 1990er Jahre Staatlicher Landwirtschaftsbetrieb (PGR).

Treffen mit Jan Wnuk , Vorstand des Vereins ehemaliger PGR-Mitarbeiter sowie mit Vertretern der Staats- und Lokalverwaltung.

Fahrt nach Przelewice. Auf dem Weg:

Chełm Dolny (Wartenberg): ehemaliger Gutshof der Familie von Tresckow. General Henning von Tresckow beteiligte sich an den Vorbereitungen zum Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, am 21. Juli beging er Selbstmord und wurde in Wartenberg bestattet.

Goszków (Gossow): Geburtsort von Albert von Levetzow, Vorsitzender des deutschen Parlaments um 1880-1890. In der Kirche eine ihm gewidmete Gedenktafel.

Piaseczno (Pätzig): Ort der pietistischen Bewegung; Anfang des 20. Jahrhunderts in Besitz der Familie von Wedemeyer, Geburtsort von Maria von Wedemeyer, Enkelin von Ruth von Kleist-Retzow, Verlobte von Dietrich Bonhoeffer.

14.00 Mittagessen in Przelewice

15.30-16.30 Przelewice (Prillwitz): restauriertes Schloss, das in Besitz der Hohenzollern, der Familie von Prillwitz und bis 1945 der Familie von Borsig (Industrielle aus Berlin und Schlesien) war. Schloss und ein wunderschöner Schlossgarten mit Arboretum sind heute im Besitz der Gemeinde. Im Schloss hat das Botanische Forschungszentrum seinen Sitz. Treffen mit Vertretern der Gemeindeverwaltung und der Leiterin des Zentrums.

Rückfahrt nach Stettin

Auf dem Weg:

Letnin (Lettnin), in dem Dorf wurden nach dem Krieg Einwohner des Dorfes Milatycze bei Lemberg angesiedelt. Bereits in den 1970er Jahren gründeten sie eine Volksgruppe „Kresowianka“ , zu der ganze Familien gehören, die Volkskultur und alte Bräuche pflegen. Treffen mit der Volksgruppe und deren Leiter Ryszard Głogowski , der die Volkskultur aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten dokumentiert.

Ankunft in Stettin

Züge nach Berlin: 19.00 über Angermünde, 21.32 in Berlin; 19.57 ohne Umsteigen, 23.32 in Berlin

Koordination

Ewa Czerwiakowski, Ruth Henning

Reiseleitung

Andrzej Kotula, Bogdan Twardochleb., Robert Ryss

Simultanübersetzung

Agata Prochotta